Schuhprojekt 2008 in der evangelischen Gnadenkirche Bergisch Gladbach und der evangelischen Kirchengemeinde St. Tönis, Krefeld
Das Schuhprojekt - ein Kunstwerk von Maria Schätzmüller-Lukas
© Doris Hensch, Kunsthistorikerin (d.hensch
Als Altar in der Gnadenkirche in Bergisch Gladbach oder als von zwei Seiten aufsteigende Mauer in St. Tönis bei Krefeld, bereits zweimal installierte Maria Schätzmüller-Lukas in 2008 ihr aktuelles Kunstwerk: das Schuhprojekt.
Das Werk
Die Basis des Schuhprojekts – so der generelle Arbeitstitel - bilden eine Vielzahl von Multiples immer gleichen Formats: In gewöhnlichen Schuhkartons nachgebildeten Glaskästen liegen je ein Paar getragene Schuhe. Diese gläsernen Objekte dienen der Künstlerin als Module für ihre großen Installationen. Das Werk geriert sich als multifunktionales stets neu und anders. Zum einen, weil es noch nicht abgeschlossen ist, sondern durch Aufnahme weiterer Schuhpaare anwächst. Zum anderen, weil es keine fixierte Form aufweist und von der Künstlerin konzeptionell auf den Raum seiner jeweiligen Präsentation hin orientiert wird. Bis heute stehen der Künstlerin ca. 160 Paar getragene Schuhe zur Verfügung, die sie nach rein formalen wie auch nach inhaltlichen Kriterien auswählt. Das auf 1 000 Schuhpaare angelegte Projekt bietet eine zunehmende Differenzierung bzw. Spezialisierung der Auswahl.
Im Mai 2008 wurde die erste Version des Kunstwerks unter dem Titel Glaskartonspiel in der Apsis der Gnadenkirche in Bergisch Gladbach aufgestellt. Hundert der beschriebenen Multiples bildeten die Seiten einer rechteckigen Hohlform, die dem ansässigen Pfarrer während der Ausstellungsdauer als mensa domini diente. Die zweite Version war im August 2008 in St. Tönis bei Krefeld, ebenfalls in der Apsis, als leicht gebogene Mauer zu sehen, die sich durch einen treppenartigen Aufbau auf beiden Seiten nach oben verjüngte.
Künstlerische Methoden
In ihrem jüngsten Werk greift die Künstlerin auf bewährte und tradierte Ausdrucksformen ihrer Arbeit zurück: Die Verwendung und der Einschluss von Objects trouvées
Bereits vor vielen Jahren entwickelte sie den Prototyp des „gläsernen Schuhkartons“, den sie mit unterschiedlichen Objekten – darunter auch Fußabdrücke, Schuhe etc. - bestückte, der als Einzelobjekt jedoch unveränderbar bleibt. Die Akkumulation hat als gestaltendes Element im Oeuvre der Künstlerin eine ebenso lange Tradition. Seit Beginn ihrer künstlerischen Arbeit befasst sich Maria Schätzmüller-Lukas mit der gezielten Sammlung von Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs oder Dingen der belebten und unbelebten Natur, wobei sie ihren Schwerpunkt auf die Anhäufung möglichst gleichartiger Objekte legt. Der Impuls geht immer vom Gegenstand aus, der ihre subjektive Werteskala tangiert. So befinden sich in ihrem Atelier stets unterschiedliche Archive zum Aufbau der individuellen Sammlungen, die sie schließlich in eine ästhetische Form überführt.
Während Arman und die Nouveaux Réalistes mit der Akkumulation als künstlerische Gestaltungsform u. a. konsumkritische Aspekte verfolgten, steht für die Künstlerin in dem aktuellen Schuhprojekt neben der spezifischen Ästhetik des getragenen Schuhs, die Interaktion mit dem Gegenüber im Vordergrund. Nach wie vor bittet sie um die Spende von Schuhpaaren, die der Trägerin bzw. dem Träger „etwas“ bedeutet haben. Einziges Ausschlusskriterium für die Gabe sind neue, d. h. ungetragene Schuhe. Die Schuhpaare werden fotografiert, katalogisiert und archiviert. Aus diesem Fundus sucht die Künstlerin für die Realisation einer Installation die entsprechenden Schuhpaare heraus.
Formale Aspekte
Die Spender können ihren Schuhen ein paar Worte mit auf den Weg geben, was sie zum Teil auch mit großem Engagement wahrnehmen.

Die spezifische Ästhetik getragener und damit geformter Schuhe inspiriert die Künstlerin seit geraumer Zeit, auch ihrerseits lyrische Texte zu verfassen. Denn unabhängig von der mitgeteilten eigenen, oft intimen Geschichte, zeigen getragene Schuhe eine spezifische Außenform. Tatsächlich vermag kaum ein Kleidungsstück so sehr zu berühren, wie Schuhe, die durch das Tragen eine individuelle Gestalt erhalten und damit bereits viel über ihre Träger aussagen. Getragene Schuhe sind ebenso einzigartig wie Fingerabdrücke, da ihre singuläre (Ver-)Formung Aussagen über Körperhaltung oder anatomische Besonderheiten des Besitzers zulässt. In ihnen prägt sich der Weg des Lebens ebenso ein, wie in die Physiognomie des menschlichen Körpers. Damit werden Schuhe zum Indiz für gelebtes Leben. Folglich sind Kinderschuhe nicht im Konvolut enthalten, weil sie noch zu geschichts- und damit gesichtslos sind.
Die bewusst angestrebte formale Strenge des Einzelobjekts bleibt auch in der großangelegten Installation erhalten, die Großform gewinnt aber an Ausdruckskraft durch die massive Präsenz. Bisher orientierte sich der Aufbau an Geometrien, andere Präsentationsformen liegen als Konzept vor. Die Ausführung wird die Künstlerin auch zukünftig an den jeweiligen Raumverhältnissen und -erfordernissen orientieren.
Inhaltliche Aspekte
Die inhaltlichen Aspekte bzw. interpretatorischen Ansätze sind multiperspektivisch. Neben dem kommunikativ-interaktiven Ansatz, der das Projekt wesentlich bedingt, besitzt der Schuh per se eine vielschichtige Metaphorik und Symbolik, die ihn über die Zeichenhaftigkeit für den Lebensweg weit hinaushebt. Hiervon sollen nur einige angedeutet werden:
- Schuhe gibt es zwar seit 40 000 Jahren, sie bleiben aber nach wie vor ein Privileg der Besitzenden.
- Schuhe verbinden ihren Träger mit der umgebenden Welt und schützten ihn gleichzeitig vor ihr. Mit ihrer Hilfe kann er sich durch die Welt bewegen, ohne direkten Kontakt zum Boden – und damit zum Fremden – aufnehmen zu müssen.
- Schuhe sind Repräsentanten: Die Qualität der Schuhe, ihr Pflegezustand und ihre individuell gewordene Form geben schon auf den ersten Blick vieles über die jeweiligen Träger preis.
- Das Schuhprojekt bringt die aus der „Aufbewahrung“ hervorgeholten Schuhe an das Licht zurück. Manchmal wird die an sie geknüpfte Erinnerung publiziert und ein „Stück“ Leben(sweg) noch einmal in Szene gesetzt.
- Das Einzelwerk, d. h. das Multiple geht in die Installation ein und damit in der Gesamtheit auf. Die individuelle Geschichte, konserviert im Einzelobjekt, wird zu Gunsten der Geschlossenheit generalisiert und damit überindividuell. Sie verweist nun vielmehr auf ein Ewiges, das Leben selbst.
- Obwohl sich das Werk direkt auf den Betrachter bezieht, ist es nicht interaktiv. Allerdings verschieben sich manchmal die Perspektiven, besonders dann, wenn der Rezipient seine eigenen Schuhe im Gesamtwerk entdeckt. Dann löst sich plötzlich die geschlossene Form und das Einzelschicksal gewinnt an Terrain zurück.
Im Anschluss an die erste Präsentation äußerten viele Betrachter den Wunsch, ihre durch die Kunst geadelten „alten Treter“ (zurück-)kaufen zu wollen. Ein Wunsch, dem die Künstlerin durchaus entspricht, da es sich bei den Einzelobjekten - wie bereits gesagt - um Multiples handelt. Das Kunstwerk mutiert zum Schuhgeschäft und löst sich am Ende durch Ausverkauf selbst auf. Recycling durch Kunst - ein wahrhaft gelungener Kreisschluss im Wirtschaftssystem.
Bergisch Gladbach, den 2. März 2009. Doris Hensch. Kunsthistorikerin